Wahrträume scheinen die zukünftigen oder auch vergangenen bzw. gleichzeitigen Ereignisse gespiegelt wiederzugeben. Grundsätzlich wird das Geschehen in gut überschaubare, einprägsame Bilder zusammengefasst. Dabei kann durchaus mit Hilfe von Wort-Doppelbedeutungen und anderen Assoziationen gearbeitet werden. Dies lässt darauf schliessen, dass solche Träume - und warum dann nicht auch alle anderen Träume, ja womöglich sogar viele Gedanken des Tages (an dem wir mitunter bei weitem nicht so wach sind, wie wir glauben) - uns von Wesen eingegeben werden, die nicht unterhalb, sondern über der menschlichen Ebene stehen. Unser neuzeitlicher prometheischer Wahn, die Gescheitesten in der ganzen Welt zu sein, wird dadurch gründlich erschüttert; scheinen doch jene Wesenheiten unser alltägliches Empfinden geradezu besser zu kennen als wir selbst und dabei unsere ganze Lebenswelt, bis hinein in riesige astronomische Dinge, nach ihrem Gutdünken gestaltet zu haben. Man muss nur einmal an den Aberwitz denken, dass es ein Sternbild gibt, welches einen ganz bestimmten amerikanischen Präsidenten - nämlich den heutigen - benennt, die W-förmige Cassiopeia. Hat dies doch noch nie ein irdischer Herrscher stärker verlangt. Aber das führt schon ein bisschen ab vom speziellen Gebiet des Wahrtraumes, obwohl es für das Verständnis des vollständigen Zusammenhangs solcher Phänomene überaus hilfreich sein kann.

Elisabeth Frenzel, die bekanntlich vor nicht allzu langer Zeit von sich reden machte, weil sie im Dritten Reich ganz im Sinne des Joseph Goebbels forschte, schreibt in ihrem hervorragenden Nachschlagewerk "Motive der Weltliteratur" über Wahrträume:

"(...) Die Funktion eines Hinweises auf zukünftige Ereignisse, die dem Traum bis in die modernste Dichtung erhalten blieb, scheint in neuesten Thesen der Psychologie und Parapsychologie eine Stütze zu finden, die dieser Funktion eine physiologische Basis geben, indem sie im Traum einen vorwegnehmenden einübenden Bewältigungsprozess der dem Menschen offenstehenden Möglichkeiten sehen und von diesem Ansatz aus auch die Praecognition des Wahrtraums als erklärbar annehmen. (...)"

Das ist leider schon etwas Besonderes für eine aktuelle wissenschaftliche Publikation und es ist völlig unzulänglich, zumal in der lebendigen Wirklichkeit auch noch Fügungen hinzukommen, die sich schlechtweg nicht psychologisch erklären lassen, weil sie nichts, aber auch gar nichts mit Psychologie zu tun haben.

"Was nicht sein darf, das nicht sein kann", dieser Grundsatz ist eben auch heute noch weitherum beliebt. Der Mensch belügt sich anscheinend gerne selbst. Aber wer nur drei Sätze am Stück denken kann, weiss natürlich, dass man durch solche Träumerei nur sich und anderen jedes Mass und jede Zufriedenheit stiehlt, erwachsen doch aus einer solchen verschwommenen materialistischen Denkweise alle Masslosigkeiten dieser Erde - man empfindet sich als Übermensch im Vergleich mit den Bewohnern der Dritten Welt und jagt nur Statussymbolen hinterher. Dabei könnte ein zufriedenes Leben so einfach sein, wagte man es nur einmal, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, so, wie Constantin Brancusi es gefordert hat: "Oberste Pflicht ist Ehrlichkeit gegenüber sich selbst".